Alina Grehl
Zu der Arbeit Backward Growth
April 2024
Von einem vielfarbigen Hintergrund hebt sich eine Struktur ab, die aus abstrakten und figurativen Elementen besteht. Wie eine riesige Pflanze rankt sie aus der sanften Landschaft im unteren Teil der Wandarbeit in den Himmel hinauf. Ebenso wie der Hintergrund sind ihre Ranken von sanften Farbverläufen gekennzeichnet. Im mittleren Bereich verdichtet sich die Struktur, versammelt eine Vielzahl an großen Blättern, die Träger verschiedener Szenen sind. Ein genauerer Blick verrät: Es handelt sich um Fotografien und abstrakten Formen und Farben, die ausgeschnitten und immer wieder übereinander gelegt wurden. Daraus erheben sich figurative, ausgearbeitete Elemente, wie eine Kapelle oder Blätter mit klar erkennbaren Blattrippen.
Insgesamt gilt: desto genauer man hinschaut, desto mehr Ebenen und Formen werden sichtbar. Man findet Farbverläufe, Spuren, Moireeffekte, Fotografien, Cartoonartige Figuren, 3D-Modelle und fließende Formen, die fast an Ölflecken erinnern. Aber auch Bildteile, die bewusst in Weiß gehalten sind, ja im Gesamtbild schon fast transparent wirken und sich so der restlichen Farbgebung entziehen. Die Komplexität beim Betrachten entsteht vor allem durch diese Kontraste, den Wechsel der Materialien. In einem Moment gleitet das Auge über die sanften Farben und stoppt abrupt an den harten Kanten der Blattformen. Bunte Verläufe, überlagerte Strukturen und helle Flächen gehen förmlich ineinander über. Man kann zunächst nicht sagen, ob sie collagenartig auf den Hintergrund appliziert sind oder aus dem Untergrund herausgeschnitten wurden. Ebenso, beispielsweise, die bunten feinen Linien auf der linken Seite. Wurden sie aufgetragen oder mit der Pinselrückseite herausgekratzt? Auch ist nicht mehr eindeutig zu unterscheiden welche Elemente digitalen oder analogen Ursprungs sind und durch diese Verwebung der Gegensätze schafft Zozulya insgesamt eine neue Materialität.
Ein Vergleich mit seinen anderen Arbeiten zeigt: Zozulya bleibt in dieser Wandarbeit seiner künstlerischen Praxis treu, die sich durch einen hohen Wiedererkennungswert auszeichnet. Insgesamt geht er mithilfe seiner Kunst der philosophischen Bildtheorie nach und stellt mit seinen Werken immer wieder die Fragen „was ist eigentlich genau ein Bild und wie kann mit diesem etwas repräsentiert werden?“ Ebenso in Backward Growth in dem er sich anhand dieser Fragestellungen mit der Geschichte der Freiwilligen Feuerwehr Leinfelden-Echterdingen Abteilung Stetten befasst und nach einem Sinnbild sucht, dass all diese Aspekte verbindet.
Die Freiwillige Feuerwehr Leinfelden-Echterdingen geht bereits auf das 16. Jahrhundert zurück und ist von viel Wandel geprägt. Zozulya konnte bei der Vorbereitung als auch der Umsetzung mit unterschiedlichstem Archivmaterial arbeiten, das ihm von Seiten der Feuerwehr zur Verfügung gestellt wurde. In einem ersten Schritt setzte er sich mit diesem in Zeichnungen auseinander. In dem Material befanden sich auch Informationen zu einem bestimmten Gebäude, mit dem er sich besonders genau befasste. Dabei handelt es sich um eine Kapelle, die im 19. Jahrhundert als Frühwarnsystem eingesetzt wurde. Von dieser, von einem weiteren ehemaligen Gebäude der Freiwilligen Feuerwehr Leinfelden-Echterdingen Abteilung Stetten und eben diesem Treppenhaus des neuen Feuerwehrhauses fertigte er diverse 3D-Modelle an und konnte sie so tiefer durchdringen und durchdenken. Im digitalen Raum konnte er eine Verbindung zwischen den verschiedenen räumlichen und zeitlichen Kontexten knüpfen. Einzelne Szenen löste er aus dem 3D-Modell heraus, um sie mithilfe von Siebdrucken direkt auf die Wand zu bringen. Somit eröffnet er in seiner Wandarbeit einen neuen fantastischen Raum, der verschiedene Orte, Zeiten und Assoziationen zusammenführt.
Das bereits genannte Archivmaterial diente außerdem als Inspiration für die diversen abstrakten Formen der Arbeit, wobei Zozulya insgesamt in Technik, Farbgebung und Formalästhetik, wie bereits gesagt, seiner künstlerischen Praxis treu bleibt. Vor allem Siebdrucke, Schichtungen und Überlagerungen sind zentrale Elemente seiner Arbeit. Das ist, meiner Meinung nach, vor allem auch vor dem Hintergrund dieser Wandarbeit ein interessanter Ansatz zur Repräsentation der Geschichte der Freiwilligen Feuerwehr Leinfelden-Echterdingen Abteilung Stetten: Zozulya hat in Backward Growth unglaublich viele Elemente auf die Wand gebracht, von denen jedoch einige für uns gar nicht mehr sichtbar sind. Durch den Prozess des Druckens und Übermalens wurden sie überdeckt. Nun könnte man sich fragen, hätte man sie dann nicht auch gleich weglassen können? Ich denke nein, denn sie haben die Entwicklung der Arbeit gelenkt und damit zu dem für uns sichtbaren „Produkt“ geführt. Und außerdem gilt: nur weil wir es nicht sehen, heißt es nicht, dass es nicht da ist, wodurch sich eine stimmige Parallele zu der Geschichte der Feuerwehr selbst herausbildet.
Die Pflanze, oder eher der Baum, den wir hier sehen, bot Zozulya die Möglichkeit die schiere Menge an Daten, Archivmaterial und Assoziationen in einem Symbol zu versammeln. Durch die Überlagerungen und Strukturen schafft er einen suggestiven Bildraum. Im unteren Teil der Struktur ist außerdem ein weiteres Symbol zu finden: der Baumstamm ist in roten Farben gehalten, davor hebt sich eine weiße Form ab, die an einen Drachen erinnert. Durch die Andeutung des feuerspeienden Wesens versteckt Zozulya ein Sinnbild für einen Heldenmythos ohne direkt und plakativ beispielsweise eine Löschaktion darzustellen.
Bei der Wandarbeit handelt es sich um ein Kunst am Bau Projekt, das für diesen bestimmten Ort geschaffen wurde. Der Künstler reagiert darin direkt auf den Raum und dessen Nutzer:innen und Betrachter:innen. Das Treppenhaus führt zu den Gemeinschaftsräumen und wird regelmäßig von Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr Leinfelden-Echterdingen Abteilung Stetten benutzt. Zozulya hat deshalb bei der Ausgestaltung seines Motivs mitbedacht, dass das Werk immer wieder und wieder betrachtet wird und damit einem langen Blick standhalten muss – in anderen Worten, es hat so viel Tiefe und ist so komplex im Aufbau, dass es sich nicht nach ein paar Mal „wegguckt“. Insgesamt kann man argumentieren, dass es sich bei Kunst am Bau um eine sehr demokratische Präsentationsform von Kunst handelt – sie hat ja auch schon eine über 100 Jahre lange Geschichte – bei der die Arbeiten von den Nutzer:innen des Gebäudes alltäglich wahrgenommen werden und somit einen direkten Platz in der Gesellschaft gefunden haben.
Ausgehend von der Wandarbeit und in ihrem Zusammenhang entstandenen 3D-Environments hat Zozulya außerdem Papierarbeiten angefertigt. Dazu hat er einzelne Ausschnitte der digitalen Modelle rausgezogen und analog weiter bearbeitet. Sie sind eine Weiterführung seiner Serie der Peace Papers – ein Spendenprojekt, dessen Erlöse Menschen in der Ukraine unterstützen. Mit Hilfe seiner neuen Serie wird die Reparatur eines Feuerwehrautos finanziert, welches im Anschluss in Poltawa, UKR Einsatz findet. Poltawa ist nicht nur die Partnerstadt von Leinfelden-Echterdingen, sondern auch der Geburtsort des Künstlers.
Stefanie Ufrecht
Zu der Serie Sense and Image
2023
In Schichtungen liegen Linien und Flächen aufeinander, sie überlagern sich, erscheinen durchlässig. Zozulyas Werk wird von einer bestimmten Ästhetik getragen, welcher ein hohes Maß an Wiedererkennungswert zugrunde liegt und die gleichsam doch schwer greifbar wird. Die Schwierigkeit der sprachlichen Determiniertheit seiner Ästhetik wird besonders durch die Einbindung verschiedener Techniken bedingt, welche sich wie folgt in seinen Bildräumen behaupten:
Vor einem zumeist flächigen, teils monochromen Bildgrund, schließen sich gegenständliche und abstrakte, malerische und zeichnerische Elemente, in eine gegenüber dem Bildgrund abgeschlossene Form zusammen. Die Farbe an ihren Rändern ist versiegt, die äußere Grenze weist klare, schablonenhafte Umrisse auf.
Die Schichtung transparenter Flächen erzeugt räumliche Tiefe. Der Bildraum wird ausgehöhlt. Auch gerenderte Zeichnungen, die mithilfe eines digitalen Druckverfahrens auf Leinwand übertragen werden, erzeugen Tiefe im Bild. Zuletzt bedingt die Schichtung netzartiger Strukturen, welche mithilfe eines vierfarbigen Rasterdrucks mit Linien auf den Bildträger gebracht werden, einen Moiré-Effekt, der in dynamischer Gestalt im Bildraum auftritt.
Die Technik des Digitaldrucks erlaubt es Zozulya auch, Fragmente aus anderen seiner Werke zu reproduzieren und in diesem Sinne als Versatzstücke nutzbar zu machen. Viele der vermeintlich malerischen oder scheinbar zeichnerischen Elemente sind demnach digitale Setzungen, geben sich jedoch als gestisches Element aus. Diese spielerische Setzung von Original und Reproduktion – nicht in Bezug auf das auratische Kunstwerk, sondern in Bezug auf die Manipulation von Bildern – lässt sich auf Zozulyas Auseinandersetzung mit der Dokumentarfotografie im Zeitalter der Bilderflut zurückführen. Digital bearbeitete und damit manipulierte Bilder sind tägliche Besucher sozialer Netzwerke, sei es im Kontext propagandistischer Zwecke oder vermeintlich harmlos in der Meme-Kultur. Auf eben dieses digitale Phänomen verweist Zozulya explizit über ein biographisches Moment auf einem seiner Bildträger: Eine Fotografie, die er über Siebdruckverfahren auf Leinwand gebracht hat, zeigt den Cousin des Künstlers in der Ukraine, mit einer Waffe in der Hand. Das absurde Moment stellt die Glaubwürdigkeit der Dokumentarfotografie in Frage. Die Grenzen von Realität und Fiktion verschwimmen.
Ausgehend von diesem Punkt tritt das Verhältnis von Original und Manipulation als Figur in Zozulyas Erzählung jedoch nicht inhaltlich auf, sondern über einen formalästhetischen Ansatz – oder viel mehr: über einen formalästhetischen Gegensatz.
Es entsteht ein Moment der Dopplung, indem Zozulya gestische und digitale Elemente zusammenfallen lässt. Der Digitaldruck, welcher sich als malerisch-gestisches Element innerhalb der Bildsynthese ausgibt, führt zu eben jenem Gegensatz im Bild und ist gleichsam für die zunächst als schwer greifbar konstatierte Ästhetik des Künstlers verantwortlich. Die Elemente verwehren sich trotz ihrer Homogenität einer klaren Einordnung und Beschreibung. Erst wenn die Formen entschlüsselt, das heißt ihre Technik einzeln decodiert und schließlich wieder zusammengefügt werden, entsteht ein Verständnis für die künstlerische Praxis und das Werk kann Ausdeutung finden.
In der Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Original und Manipulation, findet sich zuletzt ein humoristisches Element, wenn Zozulya eine seiner Leinwände zunächst grundiert und bemalt, anschließend abfotografiert und die Fläche des Trägermediums erneut weiß übermalt. Die zuvor bemalte Schicht, die ja an dieser Stelle selbst nur noch als eine digitale Fotografie existierte und auf der Leinwand bereits unter einer Schicht weißer Farbe verdeckt war, brachte er anschließend als Digitaldruck auf die bereits übermalte Leinwand zurück. Jedes der vermeintlich malerischen Elemente ist damit eine digitale Setzung.
Stefanie Ufrecht, Kunstmuseum Stuttgart
Günter Baumann
Zu der Serie Convincing A Picture
2021
»Das Werdende, das ewig wirkt und lebt« — Johann Wolfgang Goethe, Faust, Prolog im Himmel
Der Mensch ist aus der von ihm einst postulierten Mitte gefallen. Oder ist er grade dabei, genau diese – von jeher wunschgeträumte – Mitte zu suchen? Ivan Zozulya ist sich dessen bewusst, dass seine Bilder ein gewisses Pathos haben. Doch seine Spontaneität und seine Neugierde an der Welt, in der der Mensch sich nun mal positionieren muss, bewahrt ihn zugleich davor. Er fragt sich nach eigenem Bekunden, wie schwer es manchem fällt, »ein wenig außerhalb des Rahmens zu denken« und auch, ob es nicht »genau das sei, was in der Kunst am wichtigsten ist«.
Der ukrainische Künstler arbeitet mit Erinnerungen. Auf großen Leinwänden orientiert er sich zunächst an konkreten Szenerien, porträthafte Details, überlagert sie mit nacherlebten Malschichten, die schon kaum mehr sind als verblasste Begebenheiten, bis er schließlich zu einer Bildebene findet, die diese Versatzstücke der Vergangenheit in ein malerisches Ganzes bindet: als Teil der eigenen individuellen Geschichte, aber auch als Teil gesellschaftlicher Entwicklungen. »Meine Leinwände sind sozusagen wie mein Keller, in dem ich die Bilder aufbewahre, die mir immer wieder in den Sinn kommen.« Wie lichtvoll, aber auch unergründlich dieser Keller ist, zeigt die Serie seiner zart lasierten »Überzeugungen«: ein Bild zu überzeugen – so könnte man den Reihentitel »Convincing a Picture« – verweist darauf, dass hier ein Künstler über die Kunst reflektiert. Dabei geht es nicht um Überredungskünste des Malers, sondern eher um den Akt des Malens.
Doch zurück zum Anfang. Ivan Zozulya setzt zunächst im Siebdruck Spuren auf die Leinwand. In den jüngsten Arbeiten sind auch zuweilen Linoldrucke dabei. Wohl kann man darin Figuren und Gegenstände ahnen, die für die Ebene der Alltags- und Arbeitswelt stehen. Sie ist das, was unser Dasein wohl zusammenhält. Nur fügt sich das offenbar nicht mehr so einfach zusammen, wie dies möglicherweise einst war. Die klaren Kanten und Linien suggerieren konkrete Bilder, aber die Vorstellungskraft des Betrachters steht vor einem Rätsel. Warum sollte es ihm anders ergehen als dem aufmerksamen Beobachter des ganz normalen Lebens.
Von diesen Setzungen geht Zozulya weiter und sucht mit ausladenden Schwüngen aus farbigen Tuschen die grafischen Elemente zu verbinden. Dass daraus Gliedmaßen eines oder mehreren Menschen werden, ist zunächst dem Zufall, dann dem Kalkül unterworfen: eine Schulterpartie provoziert Arme, die sich mit Beinen, Füßen auf dem Bildträger so verschlingen, dass ein fiktiver menschlicher Organismus entsteht. Wir können uns nun einen Reim darauf machen, ob Arbeit und Alltag unser Leben bestimmen, oder ob das Leben Einfluss auf das hat, was wir beruflich oder in unserer Freizeit tun.
Ein Durcheinander, zugegeben. Aber wo Arme und Beine sind, kann der Kopf nicht fern sein. Hier und da empfiehlt sich eine freie Stelle auf der Leinwand, wo ein gesenkter oder gedrehter Kopf sich als Zentrum empfiehlt. Bei aller anatomischer Zufälligkeiten verdichtet der Maler die fast trockene Tusche so souverän, dass die Körperteile zum räumlichen Gebilde in drehender Bewegung werden: in sich gekehrt, sich losreißend, kreisend, sich befreiend.
Ivan Zozulya malt Bilder des Gebens und Nehmens, des Werdens und Vergehens. Es sind keine Szenen in Harmonie, es sind auch nicht unbedingt schöne Körper – und doch sehnt sich das Bild nach Vollkommenheit, während sie teils genüsslich, ja lustvoll gestört wird: durch die Trugbilder unsrer Vergangenheit, durch Überblendungen, neuerdings auch durch geisterhaft körperlose Figuralzeichnungen, mitunter gegenstandsfreie Lineaturen.
Ivan Zozulya positioniert seine Protagonisten auf die nicht grundierte Leinwand, oder er lässt sie von undefinierten Farbräumen umfließen. Ungeschützt, da nicht korrigierbar, gestaltet, inszeniert der Maler den Menschen auf der Fläche. Er gibt ihm eine Mitte, die in sich labil bleibt, die Körper darin sind fragil – frei, in ihrem Tun zu scheitern oder sich immer neu zu erfinden.